-
Letzter Tag

Heute vormittag haben wir die letzten Szenen mit der Familie gedreht und uns dann verabschiedet. Es war sehr herzlich.
Gugulethu, die große Schwester von Siyabonga, hat erzählt, dass sie anfangs sehr skeptisch war, als sie hörte, dass ein Kamerateam mit ihrer Familie drehen würde – ein Kamerateam, das nur aus Weißen besteht. „Wieso?“, wollte ich wissen. Sie erzählte, was ihr letztens an der Uni passiert war. Sie fragte eine andere Studentin nach der Uhrzeit und bekam keine Antwort. Sie dachte, die andere Studentin hätte sie vielleicht nicht gehört und fragte noch einmal. Keine Antwort, die Studentin sah sie an und drehte sich ohne ein Wort weg. Sie war weiß – und Gugulethu schwarz. Obwohl es Apartheid offiziell nicht mehr gibt, ist sie anscheinend inoffiziell immer noch weit verbreitet.
Deshalb, erzählte Gugulethu, sei sie doppelt überrascht gewesen, als sie merkte, wie normal wir – Team nur aus Weißen – mit ihr und ihrer Familie redeten und umgingen. Das habe sie richtig gefreut. (Uns natürlich auch.)
Und als sie das sagte, ist mir aufgefallen, wie die Menschen hier in Mamelodi reagierten, wenn wir aus unserem Auto stiegen: Die meisten schauten uns an, fragten sich wahrscheinlich, was die Weißen im Township machen und sahen immer eher grimmig aus. Aber jedes Mal, wenn wir freundlich lächelnd diesen Leute zuwinkten, war es so, als würde ein Schalter umgelegt werden: Die Menschen lächelten zurück, winkten, kamen auf uns zu und unterhielten sich mit uns. Wir erzählten, wer wir sind, woher wir kommen und was wir machen. Es kann ein glücklicher Zufall sein, aber es gab in den letzten acht Tagen keine Situation, in der wir uns unsicher oder bedroht gefühlt hätten. Abgesehen von dem einen Abend, als Katja den Panik-Knopf drückte.
Südafrika war toll. Und obwohl es vielleicht noch ein paar Jahr(zehnt)e dauern wird, bis die Menschen ganz normal miteinander umgehen – egal wie sie aussehen – gibt es doch schon erste Anzeichen, dass sich schwarz und weiß einander nähern: Im Supermarkt in der Nähe unseres Hotels in Pretoria stehen neben den Kühltheken Heiztheken. Das ist an sich nicht weiter erwähnenswert. Aber interessant ist, dass in einer dieser Heiztheken genau die weichen, mit Ei, Käse und Pommes Frites gefüllten Brote in Plastiktüten zum Verkauf angeboten werden, die wir gestern in Mamelodi gegessen haben.
-
Aaah! Südhalbkugel!
-
Schnellimbiss in Mamelodi – noch haben wir keine Ahnung, was wir hier bekommen werden
-
Siebter Tag
Heute war der letzte volle Drehtag hier in Pretoria Schrägstrich Tshwane. Und was haben wir gemacht? Fast Foot gegessen. Wobei mir das ehrlich gesagt doch so schwer im Bauch lag, dass ich eher langsamer als schneller wurde.
Aber bevor ich mit dem Essen weitermache, kurz noch eine Erklärung, warum die Hauptstadt von Südafrika manchmal Pretoria und manchmal Tshwane genannt wird.
-
So kann man natürlich auch zählen – ohne Finger.
-
Ein Blick ins große Buch der Zuspätkommer.
-
Sechster Tag
Als ich heute morgen aufgestanden bin, habt ihr euch wahrscheinlich noch mal ganz gemütlich im Bett umgedreht. Es war 4 Uhr morgens Ortszeit, also 3 Uhr morgens in Deutschland.
Heute stand die Schule auf dem Programm - und zur Schule muss man pünktlich sein. Um halb acht heulte eine Sirene, die ich von Deutschland nur als Feueralarm kannte. Hier an der Schule, an der wir drehten, war es die Schulglocke.
Das Tor zum Innenhof der Schule wurde geschlossen und alle Schüler stellten sich auf dem Hof ganz ordentlich in Reihen auf. Das heißt, nicht alle Schüler. Denn alle Kinder, die beim Heulen der Sirene noch nicht im Innenhof waren - also alle Zuspätkommer - standen vor dem Tor, wurden von einem Lehrer in Empfang genommen und in ein großes dickes Buch eingetragen. Währenddessen machten alle pünktlichen Schüler und ich Turnübungen auf dem Schulhof und hörten den Ankündigungen zu, die die Lehrer machten. Dann wurde noch ein bisschen gesungen, und jeder ging zu seinem Klassenraum.
-
Ein verschlafener Sonntag
Heute ist mir etwas ganz unglaubliches passiert: Ich bin pünktlich aufgestanden und habe trotzdem total verschlafen.
Wir wollten heute die Kirche unserer Familie besuchen. Da der Gottesdienst um 9 Uhr anfängt, hatten wir ausgemacht, um 7:30 Uhr vom Hotel loszufahren. Das bedeutete für mich: Wecker auf 6 Uhr stellen, langsam aufwachen, waschen, anziehen, frühstücken – und um 7:30 pünktlich am Auto sein.
Genauso lief es auch. Mein Handy, das ich als Wecker benutze, klingelte höchst zuverlässig um 6 Uhr. Ich wachte langsam auf und hatte 15 Minuten später das Bett verlassen, aß einen Joghurt, las die Zeitung und wunderte mich ein wenig, dass die Sonne schon relativ hoch am Himmel stand. Gegen 6:39 Uhr dachte ich mir, genug getrödelt, ab ins Badezimmer – als plötzlich das Telefon klingelte. Ich fragte mich, wer denn um die Uhrzeit bei mir anruft, nahm den Hörer ab und sagte: „Hallo?“ -
Auf dem Foto sieht man Katja und Tshego, unsere südafrikanische Producerin, während der Predigt in der Kirche. Beide bestehen darauf, dass sie nur äußerst konzentriert zugehört haben.
-
Das ist unsere Familie – von links nach rechts: Mutter Priscilla, Gugulethu, Siyabonga und Vater Bernard. Sie stehen im Garten vor ihrem Haus in Mamelodi.
-
Familien-Tag
So langsam lernen wir die komplette Familie kennen. Und damit ihr auch wisst, mit wem ihr es zu tun bekommt, stelle ich sie euch kurz vor:
Von der Mutter, Priscilla, habe ich ja schon erzählt. Der Vater heißt Bernard, die ältere Tochter Gugulethu und die jüngere Tochter Siyabonga. Die ganze Familie ist großartig: sympathisch, freundlich und selbst wenn ich Quatsch erzähle, was hin und wieder schon mal vorkommt, sind sie nicht irritiert, sondern lachen einfach. Wir verstehen uns. Und das meine ich wörtlich: Hier in Südafrika sprechen die Menschen neben vielen anderen Sprachen auch Englisch, das heißt, wir können uns prima unterhalten.
Heute bin ich mit Siyabonga einkaufen gegangen – in einem kleinen Gemischtwarenladen ganz in der Nähe. Lustigerweise sah der Besitzer des Ladens total indisch aus. Deshalb nutze ich die Gelegenheit, Pretoria mal kurz mit Delhi zu vergleichen. Hier ist es sehr viel grüner und schattiger. Die Stadt ist bei weitem nicht so staubig wie Delhi, was auch der allabendliche Popeltest beweist: Die Popel hier weisen keinerlei schwarzen Partikel auf; die Luft scheint also relativ sauber zu sein.
Auch ist es um einiges ruhiger. Zur Erinnerung: Das wichtigste Ausstattungsmerkmal eines indischen Autos ist die Hupe, die sehr intensiv benutzt wird. Hier in Südafrika hupen eigentlich nur die Taxis. Bei denen handelt es sich um Minibusse, die wie Sammeltaxis durch die Stadt fahren. Mit dem Hupen machen sie auf sich aufmerksam. Wenn man dazusteigen will, muss man bestimmte Handzeichen geben – je nachdem, in welche Richtung man fahren will, ob raus nach Mamelodi oder ein in die Stadt.
Apropos Stadt – heute haben wir im Burgers-Park gedreht. Und da ist mir noch ein Unterschied zu Delhi aufgefallen: Es ist hier viel leerer. Im Park tummelten sich gerade mal eine Handvoll Menschen. Wir hatten uns gerade damit abgefunden, dass wir ganz in Ruhe zwei, drei Moderationen drehen konnten, als sich plötzlich ein ganzer Strom von Menschen in der Park ergoss. Sie kamen von allen Seiten! Als ob sich Hunderte verabredet hätten, zu genau derselben Uhrzeit im Park spazieren zu gehen. Sie schlenderten auf und ab, setzten sich in den Schatten und sahen sich an, was wir so machten. Als es nach einiger Zeit wieder leerer wurde, fragte wir einen der Parkbesucher, woher denn die ganzen Leute kämen. Die Antwort war: Es gab eine Bombendrohung in einem benachbarten Bürogebäude. Das musste geräumt werden – und der Park war der Ort, an dem sich alle Leute aus dem Gebäude sammeln sollten.Wenn ich mir überlege, wie gelassen und entspannt die Menschen durch den Park spazieren gingen, obwohl sie ja eigentlich gerade vor einer vermeintlich großen Gefahr fliehen mussten, dann bin ich wahrscheinlich Zeuge des typisch afrikanischen Tempos geworden. Diese Geschwindigkeit kommt mir sehr entgegen, ich bin ja auch nicht gerade der schnellste.
Und wenn ihr in der Südafrika-Maus diese Szene mit den vielen Menschen im Park seht, dann wisst ihr jetzt: Das war nur eine Bombendrohung – kein Grund zur Aufregung.





